“Charta oecumenica”

In einem festlichen ökumenischen Gottesdienst am 31. Dezember 2003 in der Mater dolorosa unterzeichneten die neun Mitglieder des Ökumene-Ausschusses Langenau für die Evangelische, Katholische und Evangelisch-methodistische Kirche in Langenau die “Charta oecumenica.” Die Charta war von der Konferenz Europäischer Kirchen am 22.4.2002 in Straßburg veröffentlicht und beim ökumenischen Kirchentag in Berlin im Juni 2003 von den Kirchen in Deutschland für unser Land übernommen worden.
Die drei Langenauer Kirchengemeinden verpflichten sich, miteinander auf der Grundlage dieser Charta in der Ökumene in Langenau weiterzuarbeiten und noch mehr Gemeinschaft zu wagen.
Die Charta soll auch den Horizont im Blick auf das Zusammenwachsen von Staaten und Menschen in Europa weiten und vor nationalistischen Bestrebungen bewahren, denn - so wurde im Gottesdienst erklärt - “Kirche Jesu Christi denkt immer schon global oder anders gesagt katholisch oder wieder anders gesagt ökumenisch. Dort, wo sie das nicht tut und Menschen voneinander abgrenzt oder sie abwertet, ist sie nicht mehr Kirche Jesu Christi, dies gilt europaweit und weltweit, dies gilt auch ganz konkret für uns hier in Langenau”.
Die unterschriebene Charta wird in den Langenauer Kirchen ausgehängt und soll ständig daran erinnern und dazu ermahnen den gemeinsamen Weg weiterzugehen.
Am Ende der Charta heißt es:
Jesus Christus ist als Herr der einen Kirche unsere größte Hoffnung auf Versöhnung und Frieden.
In seinem Namen wollen wir den gemeinsamen Weg in Europa weitergehen. Wir bitten Gott um den Beistand seines Heiligen Geistes. "Der Gott der Hoffnung erfülle uns mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit wir reich werden an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes." (Röm. 15,13)
       

Text der Charta                    Was ist das denn, eine „Charta oecumenica“?

Beiträge zur Charta oecumenica

Pfarrer Erwin Schmid

I. Artikel: Wir glauben "Die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche"

"Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist."
(Epheser 4, 3-6)

Gemeinsam zur Einheit im Glauben berufen
Mit dem Evangelium Jesu Christi, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt wird und im Ökumenischen Glaubensbekenntnis von Nizäa - Konstantinopel (381) zum Ausdruck kommt, glauben wir an den Dreieinigen Gott: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Weil wir mit diesem Credo „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" bekennen, besteht unsere unerlässliche ökumenische Aufgabe darin, diese Einheit, die immer Gottes Gabe ist, sichtbar werden zu lassen.
Noch verhindern wesentliche Unterschiede im Glauben die sichtbare Einheit. Es gibt verschiedene Auffassungen, vor allem von der Kirche und ihrer Einheit, von den Sakramenten und den Ämtern. Damit dürfen wir uns nicht abfinden. Jesus Christus hat uns am Kreuz seine Liebe und das Geheimnis der Versöhnung geoffenbart; in seiner Nachfolge wollen wir alles uns Mögliche tun, die noch bestehenden kirchentrennenden Probleme und Hindernisse zu überwinden.
Wir verpflichten uns, der apostolischen Mahnung des Epheserbriefes zu folgen und uns beharrlich um ein gemeinsames Verständnis der Heilsbotschaft Christi im Evangelium zu bemühen;
in der Kraft des Heiligen Geistes auf die sichtbare Einheit der Kirche Jesu Christi in dem einen Glauben hinzuwirken, die ihren Ausdruck in der gegenseitig anerkannten Taufe und in der eucharistischen Gemeinschaft findet sowie im gemeinsamen Zeugnis und Dienst.

Pastor Martin Schneidemesser

II. Artikel - Gemeinsam das Evangelium verkündigen

Die Charta Oecumenica, die eine Leitlinie für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa sein soll, spricht im II. Artikel die grundlegende Aufgabe der christlichen Kirchen an. Diese ist die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus durch Worte und Taten zum Heil aller Menschen. Obwohl alle christlichen Kirchen diesen Auftrag gemeinsam erhalten haben, wurde dieser Auftrag in der Vergangenheit oft auch in Konkurrenz zueinander erfüllt und gelebt, was diesem Auftrag bestimmt nicht förderlich war. Angesichts der starken Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft, der Entfremdung von christlichen Werten, aber auch der Suche nach Lebenssinn sind Christinnen und Christen besonders herausgefordert, ihren Glauben zu bezeugen. Dies kann umso überzeugender geschehen, je weniger die Kirchen in Konkurrenz zueinander treten und je mehr alle Christinnen und Christen in Zusammenarbeit das Evangelium in die gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein vermitteln und es in Zusammenarbeit durch gemeinsamen sozialen Einsatz und die Wahrnehmung politischer Verantwortung zur Geltung bringen. Damit dies geschehen kann, ist die gegenseitige Anerkennung unter den Kirchen und christlichen Gemeinschaften grundlegend. Wo Christinnen und Christen der Überzeugung sind, dass „ihr Kirchendach" besser ist als „andere Kirchendächer" ist die gegenseitige Anerkennung nicht vorhanden. Damit wird auch die Erfüllung des Auftrags der Kirche Jesu Christi, zu der alle christlichen Kirchen gehören, in seiner Wirkung eingeschränkt.
Darum verpflichteten sich die unterzeichnenden Kirchen dazu, mit den anderen Kirchen über Initiativen zur Evangelisierung zu sprechen und darüber Vereinbarungen zu treffen, wie dies ohne gegenseitige Konkurrenz geschehen kann. So können neue Spaltungen und falsches Konkurrenzdenken vermieden werden, die der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft immer abträglich sind.
Des weiteren verpflichten sich die unterzeichnenden Kirchen anzuerkennen, dass jeder Mensch seine religiöse und kirchliche Bindung in freier Gewissensentscheidung wählen kann. Dies gilt auch für den Wechsel von einer christlichen Kirche zu einer anderen.
Gerade in unserer Zeit der Vielfalt und Pluralität braucht es ein Bewusstsein dafür, dass die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der einzelnen christlichen Kirchen eine Chance für das Evangelium sind und der Einheit der christlichen Kirchen nicht schaden. Da alle Christen und Kirchen denselben und darum den gemeinsamen Auftrag haben, soll er, wo immer möglich, in Zusammenarbeit angegangen werden.

Pfarrer Wolfgang Krimmer

Bin ich evangelisch oder katholisch?
zu „Charta Oecumenica, III. Artikel, Aufeinander zugehen“

Im Miteinander der verschiedenen Kirchen aufeinander zugehen, das wollen wir und das tun wir. Begegnung schaffen und gemeinsam Gottesdienst feiern, das tun wir im Jubliäumsjahr „1.000 Jahre Langenau 2003“: z.B. die „Nacht der offenen Kirchen“ letzte Woche oder der Bürgerfest-Gottesdienst, damit evangelische und katholische Christinnen und Christen den Reichtum der jeweils anderen Konfession erleben können. Und das Wichtigste: damit alle begreifen, wir glauben an denselben Gott und unseren Herrn Jesus Christus, damit wir was tun für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Das will die Charta Oecumenica erreichen: „Wir verpflichten uns,
• Selbstgenügsamkeit zu überwinden und Vorurteile zu beseitigen, die Begegnung miteinander zu suchen und füreinander da zu sein;
• ökumenische Offenheit und Zusammenarbeit in der christlichen Erziehung, in der theologischen Aus- und Fortbildung sowie auch in der Forschung zu fördern.“

Die Wirklichkeit sieht anders aus, leider. Wenn nächste oder übernächste Woche für die neuen Erstklässler (nach dem Anfangsunterricht bei den Klassenlehrerinnen) der Religionsunterricht beginnt, wird aufteilt in evangelisch und katholisch. Dabei wissen die wenigsten Kinder, welcher Konfession sie angehören. Und dann werden die Klassen gemischt: so werden in der Ludwig-Uhland-Schule z.B. alle katholischen Kinder der Klassen 1a und 1b sowie der 2a und 2b gemeinsam unterrichtet. Dass dabei zu große Gruppen entstehen und der Klassenverband auseinander gerissen wird, wird hingenommen.
Wenn wir die große „Charta Oecumenica“ umsetzten wollen, dann müssen wir in der Schule damit beginnen, damit erst gar kein trennendes Bewußtsein zwischen den Konfessionen entstehen kann.
Für mich war es deprimierend, wie der ökumenische Religionsunterricht, der im letzten Schuljahr an der Ludwig-Uhland-Schule stattfand, von der „offiziellen“ Kirche (sowohl von evangelischer als auch von katholischer Seite) kritisiert wurde, weil er nicht genehmigt war. Eine Schulleitung hat Ökumene aus der Not des Stundenplans heraus umgesetzt, und die Kirchen haben gebremst! Ich bin davon überzeugt, dass Ökumene erst dann wächst und reift, wenn wir sie nicht mehr genehmigen, sondern schlicht und einfach leben!

Pfarrer Erwin Schmid

Im Artikel IV der „Charta Oecumenica“ heißt es: Gemeinsam handeln

Ökumene geschieht bereits in vielfältigen Formen gemeinsamen Handelns. Viele Christinnen und Christen aus verschiedenen Kirchen leben und wirken gemeinsam in Freundschaften, in der Nachbarschaft, im Beruf und in ihren Familien. Insbesondere konfessionsverschiedene Ehen müssen darin unterstützt werden, Ökumene in ihrem Alltag zu leben.
Wir empfehlen, auf örtlicher, regionaler, nationaler und internationaler Ebene bi- und multilaterale ökumenische Gremien für die Zusammenarbeit einzurichten und zu unterhalten. Auf der europäischen Ebene ist es nötig, die Zusammenarbeit zwischen der Konferenz europäischer Kirchen und dem Rat der europäischen Bischofskonferenzen zu stärken und weitere europäische Versammlungen durchzuführen.
Bei Konflikten zwischen den Kirchen sollen Bemühungen um Vermittlung und Frieden initiiert bzw. unterstützt werden.
Wir verpflichten uns,
• auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen;
• die Rechte von Minderheiten zu verteidigen und zu helfen, Missverständnisse und Vorurteile zwischen Mehrheits- und Minderheitskirchen in unseren Ländern abzubauen.

Pastor Martin Schneidemesser

Charta Oecumenica V. Artikel - Miteinander beten

Es gibt heute schon vielfältige Bestrebungen, die geistliche Gemeinschaft zwischen den Kirchen durch gemeinsame Gebete und Gottesdienste zu vertiefen. Was vor etlichen Jahren noch undenkbar schien, ist inzwischen gute Praxis geworden. In Langenau feiern wir jährlich mindestens zwei ökumenische Sonntags-Gottesdienste (2003 sind es vier). Die katholische Kirche lädt wie selbstverständlich zu ihren Rorate-Gottesdiensten ökumenisch ein. Die wöchentlichen Gottesdienste in Altenheim und Krankenhaus werden selbstverständlich als ökumenische Gottesdienste gefeiert. Das ökumenische Hausgebet im Advent und die Allianz-Gebetswoche, zu der alle protestantischen Kirchen einladen, sind schon längst feste Größen in unserem christlichen Miteinander. Trauungen von Paaren, die unterschiedlichen Kirchen angehören, sind heute eine Selbstverständlichkeit und oft werden sie als ökumenische Gottesdienste gefeiert. Geradezu auf Unverständnis würde es stoßen, wenn Gebete und Gottesdienste zu aktuellen Anlässen, wie dem 11. September, dem Irak-Krieg, einer Flutkatastrophe oder eines Flugzeugabsturzes, nicht ökumenisch gefeiert würden.
So sind die Verpflichtungen, die mit der Unterzeichnung der Charta Oecumenica eingegangen wurden, für uns eine Ermunterung, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.
Wir verpflichten uns:
- füreinander und für die christliche Einheit zu beten;
- die Gottesdienste und die weiteren Formen des geistlichen Lebens anderer Kirchen kennen und schätzen zu lernen
- dem Ziel der eucharistischen Gemeinschaft entgegenzugehen
Besonders der dritte Punkt scheint derzeit in unendlicher Ferne zu liegen. Es ist doch geradezu grotesk, dass wir als Christen zusammen beten und Gottesdienste feiern, die Taufe der anderen Kirchen anerkennen, uns gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden und Erhaltung der Schöpfung einsetzen, aber bei Abendmahl und Eucharistie eine Trennlinie ziehen.
Was mir Hoffnung macht ist, dass die oben genannten Dinge auch einst undenkbar waren und heute schon fast selbstverständlich sind. Sie sind möglich geworden, weil Menschen ihren geistlichen Bedürfnissen gefolgt sind, ohne immer zu fragen, ob sie das dürfen oder nicht.

Pfarrerin Irene Palm

Artikel VI der „Charta Oecumenica" - Luther und der 31.10.1999

Sie fragen sich vielleicht, was Luther und der 31.10.1999 verbindet?
Am 31.10.1999 wurde in Augsburg die so genannte Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von der römisch–katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund unterschrieben. Mehr als 400 Jahre nach der Reformation bekunden beide Kirchen einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre. Was für Luther Ausgangspunkt der Reformation war und zur Kirchentrennung führte, ist in einem Dialogprozess aufgearbeitet worden. Ja, mehr noch: Bei der Erarbeitung dieser Gemeinsamen Erklärung wurde folgende Vorgehensweise gewählt:
1. Was können wir gemeinsam über die Rechtfertigung sagen?
2. Welche Unterschiede haben wir in unserer Lehre?
Damit wurde ein Weg beschritten, der für zukünftige Dialoge maßgebend sein kann. Denn beides muss im Dialog zur Sprache kommen: Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede. Und so werden in dieser Gemeinsamen Erklärung Unterschiede benannt, an denen weiter gearbeitet werden muss: Die Lehre von der Kirche, vom kirchlichen Amt und den Sakramenten.
Doch die Kirchen haben sich in diesem Dokument wie in der Charta Oecumenica zum gemeinsamen Dialog verpflichtet. In der Charta Oecumenica heißt es: „Wir verpflichten uns, den Dialog zwischen unseren Kirchen auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen gewissenhaft und intensiv fortzusetzen ... bei Kontroversen, besonders wenn bei Fragen des Glaubens und der Ethik eine Spaltung droht, das Gespräch zu suchen und diese Fragen gemeinsam im Licht des Evangeliums zu beleuchten.“
Wie gut , dass der Dialog bereits auf verschiedenen Ebenen begonnen hat und gepflegt wird, z.B. in gemeinsamen Veranstaltungen unserer Kirchengemeinden. Denn eines sollte uns bewusst sein: „Zum Dialog gibt es keine Alternative.“

Pastor Martin Schneidemesser

Charta Oecumenica VIII. Artikel - Völker und Kulturen versöhnen

In Deutschland leben nicht nur Deutsche und auch nicht nur Christen. Inzwischen kann durchaus davon geredet werden, dass wir multikulturell sind und es eine Vielzahl von Religionen und individuellen Glaubensvorstellungen gibt. Menschen unterschiedlichster Tradition und Lebensphilosophie leben in einem Land und begegnen sich auf vielfältige Art und Weise - mal mehr mal weniger. Was schon für Deutschland gilt, das in seiner Vergangenheit in schrecklicher Weise versucht hat, wieder eine „reine Nation“ zu werden, gilt noch mehr für Europa.
Wir wissen aber auch: wo verschiedene Menschen aufeinander treffen, kommt es zu Konflikten und oft auch Ängsten. Die Angst vor den anderen kann zu Aggression und Intoleranz werden. Leider haben wir bis heute den Ausländerhass und die Intoleranz gegenüber anderen Religionen, Lebensweisheiten und Lebensformen nicht überwunden.
Als Christen wollen wir alle Menschen gerade in ihrer Verschiedenheit annehmen und akzeptieren, weil dies allein dem Geiste Jesu Christi entspricht. Als Kirchen wollen wir die Vielfalt der regionalen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen als Reichtum Europas betrachten, denn auch wir wollen in unserer Kultur und Religion auf der ganzen Welt akzeptiert werden. Unsere Aufgabe sehen wir deshalb darin, für Versöhnung und Toleranz einzutreten. Es sollte unsere Aufgabe sein, Orte der Begegnung und Versöhnung zu schaffen.
In Langenau auf dem Rathausplatz wird in naher Zukunft ein Mahnmal für den Frieden erstellt, das von den Langenauer Kirchen in seiner Form ideell und finanziell mitgetragen wird. Dieses Mahnmal soll uns Langenauer nicht nur an den Weltfrieden erinnern, den es zu erreichen gilt, sondern auch daran, dass der Friede und die Versöhnung bei uns beginnt. In unseren Familien, Schulklassen, Arbeitsstätten, Vereinen und im bürgerlichen Miteinander. Kulturen und Völker versöhnen sich dort, wo sich Nachbarn unterschiedlicher Nationalität grüßen und gegenseitig einladen, wo Muslime die Möglichkeit bekommen ihre Gebetszeiten wahrzunehmen, wo dem Nationalismus Einhalt geboten wird und deutsche Kinder mit ausländischen spielen (dürfen) ....

Als Kirchen verpflichten wir uns,
- jeder Form von Nationalismus entgegenzutreten, die zur Unterdrückung anderer Völker und nationaler Minderheiten führt und uns für gewaltfreie Lösungen einzusetzen,
- die Stellung und Gleichberechtigung der Frauen in allen Lebensbereichen zu stärken, sowie die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft zu fördern

Pfarrer Hans-Ulrich Agster

Artikel IX - Die Frage nach dem Lebensstil... –

darf man sie stellen? Ist es nicht Privatsache jedes einzelnen, wie er das eigene Leben gestalten will? Kann ich nicht kaufen und konsumieren, was ich will? Muss ich mir sagen lassen, wie viel Energie ich verbrauchen und wie ich mein Auto benutzen darf?
Die „Charta oecumenica" mit der sich die drei Langenauer Kirchengemeinden seit über einem Jahr beschäftigen, enthält in ihrem 9. Artikel folgende Verpflichtung:
„Wir verpflichten uns, einen Lebensstil weiter zu entwickeln, bei dem wir gegen die Herrschaft von ökonomischen Zwängen und von Konsumzwängen auf verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität wert legen."

Seit den 70-er Jahren hat sich vieles verändert. Umweltbewusstsein ist gewachsen. Man hat damals begriffen, dass wir nicht auf Kosten der Natur und der Generationen nach uns wirtschaften können. Der Energieverbrauch ist zurückgegangen, die natürlichen Lebensgrundlagen werden besser geschützt, Müll wird vermieden und immer mehr wieder verwendet.
In der heutigen Diskussion über Reformen ist das Thema „Schöpfung bewahren“ weit nach hinten gerückt. „Wir haben jetzt andere Sorgen“, heißt es. Der Globalisierungsdruck ist groß, die sozialen Sicherungssysteme sollen verändert werden, die Zahl der Arbeitslosen ist viel zu hoch... Wachstum wird gefordert – fast um jeden Preis!
Es ist aber kurzsichtig, wenn nur auf schnelles wirtschaftliches Wachstum gesetzt wird ohne dabei im Auge zu behalten, was langfristig die Lebensqualität sichert.
Was „verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität" ist, darüber muss diskutiert werden. Ich wünsche mir – gerade in der jetzigen schwierigen Situation – in unseren kirchlichen Gruppen und Veranstaltungen mehr Gespräche über die Frage: Was brauchen wir zum Leben wirklich? Worauf können wir verzichten? Und wie können wir dennoch zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen?
In den kommenden Wochen findet das so genannte „Weihnachtsgeschäft" statt. Davon hängen Arbeitsplätze ab. Vielleicht können wir uns dennoch überlegen, welche Geschenke und Anschaffungen wirklich „nachhaltig" unsere Lebensqualität verbessern und nicht nur kurzfristige Konsumfreude wecken. Was gekauft wird, entscheidet der Verbraucher. Was nicht gekauft wird, verschwindet langfristig vom Markt.
Ich wünsche Ihnen gute Entscheidungen!

Pfarrer Erwin Schmid

Artikel X - Gemeinschaft mit dem Judentum vertiefen

Eine einzigartige Gemeinschaft verbindet uns mit dem Volk Israel, mit dem Gott einen ewigen Bund geschlossen hat. Im Glauben wissen wir, dass unsere jüdischen Schwestern und Brüder „von Gott geliebt sind, und das um der Väter willen, denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt" (Röm. 11, 28-29). Sie haben „die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus" (Röm. 9, 4-5).
Wir beklagen und verurteilen alle Manifestationen des Antisemitismus, wie Hassausbrüche und Verfolgungen. Für den christlichen Antijudaismus bitten wir Gott um Vergebung und unsere jüdischen Geschwister um Versöhnung.
Es ist dringend nötig, in Verkündigung und Unterricht, in Lehre und Leben unserer Kirchen die tiefe Verbindung des christlichen Glaubens zum Judentum bewusst zu machen und die chistlich-jüdische Zusammenarbeit zu unterstützen.

Wir verpflichten uns:
allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirchen und Gesellschaft entgegen zu treten; auf allen Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu intensivieren.

Pastor Martin Schneidemesser

Charta Oecumenica - XI. Artikel – Beziehungen zum Islam pflegen

Die Touristen fotografieren die Moschee. In der Nähe spielen ein paar Jugendliche Fußball. Sie nähern sich, grüßen und beginnen ein Gespräch: Dürfen wir ihnen eine Frage stellen? – Ja gerne. – Beten Sie? – Ja, ich bete. – Und Ihre Begleiter, beten die auch? Ja, gewiß, die beten auch. – Dann können sie auch in die Moschee gehen und dort Fotos machen. – Vielen Dank, aber wir sind Christen und beten nicht das muslimische Gebet (salat). – Das macht nichts, Hauptsache sie beten.
Könnte diese Szene auch vor einer Langenauer Kirche mit verteilten Rollen gespielt haben, in der ein Christ zu einem Muslime sagt: Hauptsache, Sie beten?
Nach wie vor fällt es vielen Christen schwer, den muslimischen Glauben zu akzeptieren. Obwohl es viele Berührungspunkte mit Muslimen gibt, spielt der Dialog mit dem Islam eine sehr geringe Rolle. Beziehungen zwischen einheimischen und ausländischen Mitbürgern beschränken sich fast ausschließlich auf Schule, Arbeitsplatz und Sportverein. Im Bereich der Kultur, Freizeitgestaltung und Religion geht „man" sich weitmöglichst aus dem Weg. Doch durch den fehlenden Dialog können Vorbehalte und Vorurteile zwischen Muslimen und Christen nicht genügend abgebaut werden. Für ein gutes Miteinander zwischen Muslimen und Christen ist die Begegnung und der christlich-islamische Dialog unverzichtbar. Eine dialogische Haltung nimmt den anderen Menschen ernst, lässt ihm seine religiöse Überzeugung und versucht, im religiösen Gespräch hinzuhören auf die Überzeugungen des anderen, dann aber auch den eigenen Glauben zur Sprache zu bringen und damit auch Zeugnis zu geben von dem, was Christen wahr und heilig ist.

In der Charta Oecumenica verpflichten sich die christlichen Kirchen
- den Muslimen mit Wertschätzung zu begegnen
- bei gemeinsamen Anliegen mit Muslimen zusammenzuarbeiten

Die Charta empfiehlt, miteinander über den Glauben an den einen Gott zu sprechen und das Verständnis der Menschenrechte zu klären.
Übrigens: Wussten Sie, dass türkische Christen immer noch an Allah glauben? Denn Allah ist nichts anderes als unser Begriff für Gott im Sprachbereich der arabischen Welt! Wer möchte, kann sich gerne in einer türkischen Bibel davon überzeugen. Diese kann im Pastorat der EmK eingesehen werden. Dort erhalten Sie auch eine Handreichung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen mit dem Titel „Christen begegnen Muslimen".

Pfarrer Wolfgang Krimmer

Charta Oecumenica - XII. Artikel - Nicht die Spur eines Arguments

„Die Tatsache, dass ich christlich erzogen bin, ist nicht die Spur eines Arguments“, sagte Karl-Friedrich von Weizsäcker vor Jahren in einer Diskussion.
Keine Frage, wir alle sind geprägt von dem, was wir tagtäglich gewohnt sind, woraufhin wir erzogen worden sind. Wir leben in der abendländisch-christlichen Welt und Wertordnung. Doch was unseren Glauben angeht, muss er sich im Leben bewähren und bewahrheiten. Unser Glauben ist nicht allein darum wahr, weil er schon immer so war oder weil wir mit ihm groß geworden sind und weil man nichts anderes kennt. Unser Glaube ist in dem Maße wahr, wie wir ihn wahr machen: durch unser Tun und Lassen, Reden und Schweigen.
Wahrheit hängt weit mehr mit Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zusammen als mit Gewohnheit oder Konventionen. Wahrheit ist etwas Lebendiges und Aktives. So sollen wir Christenmenschen (nicht nur in der Adventszeit) „Licht der Welt" und „Salz der Erde" sein, wie Jesus sagt. Gönnen wir uns und anderen eine Adventszeit, in der „Licht" und „Hoffnung" wahr werden!

Die Charta Oecumenica (die wir drei christlichen Kirchen in Langenau im ökumenischen Silvester-Gottesdienst unterzeichnen) meint dasselbe:

„Wir verpflichten uns,
die Religions- und Gewissensfreiheit von Menschen und Gemeinschaften anzuerkennen und dafür einzutreten, dass sie individuell und gemeinschaftlich, privat und öffentlich ihre Religion oder Weltanschauung im Rahmen des geltenden Rechtes praktizieren dürfen;
für das Gespräch mit allen Menschen guten Willens offen zu sein, gemeinsame Anliegen mit ihnen zu verfolgen und ihnen den christlichen Glauben zu bezeugen."